Ein Kurzaufenthalt auf den Bahamas: Von Blue Holes, Delfinen und Zitronenhaien
Long Island – Willkommen auf den Bahamas
Als wir in der Früh in Long Island ankommen und den Anker vor Clarence Town werfen, ist das Wasser türkis und glasklar. Genauso haben wir uns die Bahamas vorgestellt! Wir genießen den neuen Ausblick beim Frühstück, bevor wir das Dinghy aufpumpen und in das Städtchen paddeln. Unser Außenbordmotor ist derzeit nicht einsatzbereit, da beim Verbindungsstecker von Motor und Batterie eine Litze abgebrochen ist. Am Weg zum Büro des Zolls in der Marina fallen uns die hübsch gepflegten Gärten und bunten Häuser auf. Uns gefällt es sofort. Das Einklarieren ist dank der schon vorher online ausgefüllten Formulare und der Online-Bezahlung von 350 Bahama-Dollar (1:1 USD) schnell erledigt. „Welcome to the Bahamas!“ Damit dürfen wir 30 Tage auf den Bahamas bleiben.
In der Zwischenzeit ist es Nachmittag geworden, und wir gehen noch in die Bar im Ort und stoßen mit dem lokalen Bier auf unsere erfolgreiche Überfahrt an. Da Muttertag ist, rufen wir unsere Mamas an und genießen dabei den Ausblick aufs Meer. Die Strapazen der Überfahrt haben sich gelohnt.
Dean’s Blue Hole – Zu Fuß zum tiefsten Blau
Die Bahamas sind bekannt für ihre sogenannten Blue Holes. Dabei handelt es sich um eingestürzte Karsthöhlen, die im Laufe der Zeit vom Meer überspült wurden. Sie sind besonders beeindruckend, weil sie oft direkt neben Stränden liegen und sehr schnell tief abfallen, allerdings nur in einem kreisrunden Loch. Eines der bekanntesten und tiefsten ist das Dean’s Blue Hole. Es hat einen Durchmesser von 25 bis 30 Metern und ist 200 Meter tief. Direkt neben dem Strand gelegen, ist es einfach zugänglich und bei Freedivern beliebt. Jedes Jahr findet dort der Bewerb Vertical Blue statt, und hier wurden schon einige Rekorde gebrochen, unter anderem vom Österreicher Herbert Nitsch, der in der Disziplin Konstantes Gewicht (CWT) 124 Meter tief getaucht ist.
Da das Dean’s Blue Hole nur acht Kilometer nördlich von Clarence Town liegt, beschließen wir, einfach auf der Straße dorthin zu gehen. Nach drei Tagen auf See schadet uns ein bisschen Bewegung nicht. Da es am Vormittag noch etwas gewittert, kommen wir erst zu Mittag los. Beste Bedingungen also, um eine Stunde und 45 Minuten in der Mittagshitze zu gehen. Der Weg offenbart die Kargheit der Insel. Wir spazieren entlang der von flachem Gebüsch gesäumten geraden Hauptstraße. Immerhin sind nicht viele Autos unterwegs, doch jedes einzelne grüßt uns. Zehn Minuten vor unserer Ankunft kehren wir noch in ein Lokal auf ein Mittagessen und vor allem kalte Getränke ein. Das letzte Stück gehen wir auf einer Sandstraße, und dann stehen wir plötzlich direkt am Strand und daneben das Blue Hole. Wir sind ganz alleine.
Der erste Anblick ist schon etwas gruselig: weißer Sandstrand mit türkisem Wasser und daneben ein dunkelblaues Loch. In der Mitte befindet sich eine weiße Plattform, von der ein vertikales Drahtseil nach unten führt. Diese wird von den Freedivern nicht nur für Wettbewerbe genutzt, sondern auch für Kurse.
Während Peter sofort ins Wasser hüpft und ins Blue Hole schwimmt, bin ich noch zaghaft. Nur langsam bewege ich mich in Richtung des abfallenden Lochs. Mich beherrscht ein irrationales, beklemmendes Gefühl, als würde mich ein Strudel jederzeit ins tiefe Blau ziehen. Dabei ist das Blue Hole durch eine Landzunge und ein Riff gut geschützt. Keine Welle oder Strömung ist zu spüren. Fürs Foto bin ich dann doch mutig genug, ins dunkle Blau zu schwimmen.
Nach einer Stunde packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns auf den Rückweg. Zweimal hält ein Auto und fragt, ob wir mitfahren wollen – einmal unsere Kellnerin aus dem Pub und einmal zwei Touristen. Wir lehnen beide Male dankend ab, da wir es fast geschafft haben und uns der Ehrgeiz gepackt hat. Wir paddeln wieder zurück an Bord, fragen uns, ob wir mit Paddeln, Gehen und Schwimmen eine Art Triathlon gemacht haben, und fallen müde ins Bett.
Pig Roast bei den Rowdy Boys
Zum Abschluss unserer Zeit in Long Island gehen wir am Freitag zum Pig Roast bei den „Rowdy Boys“. Es gibt ein Buffet mit Hühnerschenkeln, Spare Ribs und natürlich dem gebratenen Schwein inklusive Kopf. Aber auch die Beilagen munden uns sehr: Reis, rote Rüben, Coleslaw und vor allem der frische grüne Salat mit rotem Paprika. So etwas haben wir schon länger nicht mehr gegessen.
Kurs auf Conception Island
Wir beschließen, nach Conception Island zu segeln, einer unbewohnten Insel nordnordwestlich von uns. Theoretisch perfekte Voraussetzungen für eine gemütliche Überfahrt mit perfektem Wind aus Osten. Die ersten Stunden entsprechen den Erwartungen, danach ziehen Regenzellen durch und bringen alles durcheinander. Zwischenzeitlich wissen wir nicht, welche Ankerbucht wir anlaufen sollen und ob wir es noch bei Tageslicht schaffen. Zum Schluss geht es dann noch hart am Wind bei 20 Knoten sportlich in die Bucht. Mit dem allerletzten Restlicht nach dem Sonnenuntergang navigieren wir uns hinein und ankern. Der Sand ist so hell und das Wasser so türkis, dass die Bodensicht noch immer sehr gut ist. Peter sieht sogar noch einen Hai unter dem Boot durchschwimmen. Das Ankerbier schmeckt heute besonders gut.
Ein Barrakuda namens Fred, Delfinbesuch und neue Nachbarn
Am nächsten Tag erkunden wir kurz die Unterwasserwelt, wo wir einen über einen Meter großen Barrakuda treffen, der uns wie ein Hund folgt. Wir nennen ihn Fred, aber Ines ist zu eingeschüchtert, um ans Riff hinüberzuschwimmen, und wir beenden unsere Schnorchelrunde.
Wir machen uns auf zum weißen Sandstrand, der einen ohne Sonnenbrille blendet. Mit unserem Dinghy paddeln wir Richtung Strand und damit auch direkt auf den Katamaran vor uns zu. Wir plaudern kurz mit unseren Nachbarn Carolyn und Doug, die uns erzählen, dass uns in der Früh ein Delfin besucht hat und dreimal neben unserem Boot hochgesprungen ist, um in unser Cockpit zu schauen. Carolyn ist daraufhin ins Wasser gesprungen und kurz mit dem Delfin geschwommen. Leider haben wir zu diesem Zeitpunkt noch geschlafen. Wir verabreden uns für ein Sundowner-Bier am nächsten Tag – eine Entscheidung, die wir nicht bereuen sollen.
Tropikvögel, Korallenfelsen und Schildkröten
Der Strand ist paradiesisch. Die Insel ist unbewohnt, daher gibt es viele Vögel. Die Tropikvögel sind Bodenbrüter, und da es auf Inseln, auf denen Menschen wohnen, meist auch Katzen und Nagetiere gibt, bleiben ihnen nur noch eine Handvoll Inseln, um sich zu vermehren. Beim Spazieren am Strand sehen wir gut versteckt in einer Spalte zwischen den Felsen einen der Vögel brüten.
Der Sand ist speziell. Er klebt an den Füßen, und teilweise bricht, wenn man darauf steigt, ein ganzer Bereich rundherum ein, als würde man auf fragilem Glas gehen, das unter einem zerbricht. Nach der kleinen Runde genießen wir noch den Sonnenuntergang am Strand bei einem Bier aus Panama.
Am nächsten Tag geht es noch einmal an den Strand und auf die Luvseite der Insel. Am Strand treffen wir unsere neuen italienischen Nachbarn und plaudern kurz. Dann geht es barfuß durch die struppige Vegetation, die heimtückischerweise kleine Dornen versteckt hält. Auf der anderen Seite treffen wir Doug, der gerade seinen Müll verbrennt. Angesichts der Müllsituation in Clarence Town wahrscheinlich die beste Lösung. Wir plaudern kurz und vereinbaren eine Uhrzeit für das Abendbier. Dann geht es den Strand entlang, und wir klettern auf eine Felsformation hinauf. Auf dieser Seite der Insel ist das Wasser von Korallenfelsen gesäumt, die wie Schwammerl im seichten Wasser hervorblitzen. Nach einer kurzen Fotosession genießen wir den herrlichen Ausblick und entdecken Schildkröten in der seichten Bucht neben uns. Wir beobachten, wie sie immer wieder auftauchen, um Luft zu holen, und gemächlich herumtümpeln.
Feierabendbier mit den Bahamas-Experten
Nach einem Blick auf die Uhr geht es zurück aufs Boot. Das Feierabendbier wartet auf der Viento auf uns. Carolyn und Doug sind zwei ältere Amerikaner, die ihren Katamaran schon seit 15 Jahren besitzen. Sie sind bereits zweimal die Atlantikrunde gesegelt und verbringen jetzt den Winter hier auf den Bahamas und den Sommer in ihrer Heimat Oregon. Wir erzählen ihnen ein wenig von unseren Abenteuern an der panamaischen Pazifikküste und können sie damit zumindest ein wenig in Versuchung bringen, vielleicht doch noch den Pazifik zu besuchen. Die Zeit wird es zeigen.
Die beiden haben, wie unsere lieb gewonnenen Freunde Heli und Tim sagen würden, den Local-Guide-Status für die Bahamas freigeschaltet, was wir von uns definitiv noch nicht behaupten können. Nachdem wir als ambitionierte, stets interessierte Guides also das Angebot für eine Tour in die Lagune der Insel für den kommenden Tag bekommen, können wir das natürlich nicht ausschlagen.
Ausflug mit den Local Guides
Am nächsten Tag kündigen unsere Guides stilvoll mit dem Blasen einer Muschel den Beginn der Tour an. Mit ihrem soliden Dinghy, das – wie es sich für Amerikaner gehört – mit einem potenten Dinofresser-Motor ausgestattet ist, fetzen wir zu viert in Richtung Süden und fahren durch einen kleinen Pass in die Lagune. Das Wasser dort ist kitschig türkisblau und von Mangroven gesäumt.
Dort angekommen, geht es auf einen Schnorcheltrip im meist sehr seichten Wasser. Zwischen den Wurzeln der Mangroven sehen wir allerlei Fische, Rochen und Schildkröten. Das Wasser ist so klar, dass man auf Bildern oft Probleme hat, oben und unten auseinanderzuhalten. Nach dem ersten Stopp wird Peter einfach schnorchelnd hinterhergezogen. Leider ist das Wasser dann relativ schnell trüb, und nach einer halben Stunde ohne Bewegung wird es frisch. Bei einem Stopp an einem paradiesischen Strand kann er sich allerdings wieder aufwärmen.
Der nächste Halt ist die Riffkante vor der Insel. Hier fällt die Wassertiefe von etwa 20 Metern sehr schnell auf über 1.000 Meter ab. Doug wirft sich ins Wasser und meldet Haie und allerlei andere Fische. Peter hüpft beim Wort „Hai“ sofort hinterher und wird auch gleich fündig. Majestätisch schwimmt einer in geraumer Tiefe unbeeindruckt seine Kreise - natürlich ist der Akku leer und wir können keine Fotos machen. Doug und Carolyn haben im Dean’s Blue Hole einen Freedive-Kurs gemacht und schaffen es in ihrem Alter (Doug über 70, Carolyn über 60) noch leicht auf 20 Meter Tiefe. Peter kommt auch ohne Gewichte und seine langen Flossen auf etwa 15 Meter – eine Tiefe, die reicht, um sich für einen Augenblick als Teil dieser Unterwasserwelt zu fühlen.
Unser letzter Stopp führt uns zum Schwammerlwald aus Korallenfelsen im Norden der Insel. Wir sind begeistert, obwohl Carolyn und Doug meinen, dass leider viele Korallen bereits aufgrund der Klimaerwärmung abgestorben sind. Um uns für die ausgiebige Tour zu revanchieren, kochen wir am Abend den beiden passenderweise Schwammerlrisotto, genauer gesagt Steinpilzrisotto, mit von Ines’ Eltern oder Stefans Opa (wir wissen es leider nicht mehr genau – danke jedenfalls an alle!) gesammelten Pilzen, italienischem Risottoreis und Parmesan. Es ist eine der schönsten Seiten des Segellebens: Man unternimmt mit Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat, Dinge und plaudert, als würde man sich schon ewig kennen.
Zitronenhaie zum Abschied
Der nächste Tag ist vor allem vormittags von durchziehenden Regenzellen geprägt, und es bläst mit über 25 Knoten. Wir analysieren das Wetter für unsere Überfahrt nach Bermuda und beschließen, wahrscheinlich am nächsten Tag loszusegeln, vorausgesetzt, die Gewitterlage beruhigt sich.
Am Nachmittag erklimmt Peter noch einmal den Mast, um das Rigg zu überprüfen. Dabei riecht er den wundervollen Duft von gegrilltem Schwein. Am späteren Nachmittag wissen wir auch warum. Doug hat uns ein gutes Stück Schwein für die Überfahrt gegrillt und lädt uns noch zu einer letzten Schnorcheltour ein. Wir erkunden noch kurz ein anderes Riff mit vielen bunten Fischen. Die Haie, die Carolyn sieht, bleiben uns leider verwehrt.
Zurück am Boot, als wir uns gerade abduschen, ruft Ines plötzlich: „Haie!“ Die Kamera liegt noch einsatzbereit da, und nach einem hektischen zweiten Versuch, die Schnorchelmaske diesmal richtig aufzusetzen, geht es ins Wasser. Es sind zwei Haie – ein ordentliches Exemplar und ein kleinerer mit Schiffshaltern als Eskorte. Gemächlich schwimmen sie entlang des Bodens, drehen ab, sehen kurz neugierig herüber, als es platscht und ich sie ansehe, um dann weiterzuschwimmen. Im Swimmingpoolwasser kann ich gute Fotos und ein Video machen, und wir identifizieren sie als Zitronenhaie.
Zum Abendessen verkosten wir etwas von dem köstlichen Schwein und essen dazu Erdäpfelsterz. Danach genießen wir noch einen Bilderbuch-Sonnenuntergang. Es wird unser letzter karibischer Sonnenuntergang für einige Zeit sein.
Wir verabschieden uns am nächsten Tag bei einem Kaffee von unseren lieb gewonnenen Freunden und segeln nach einem kurzen letzten Spaziergang am Strand in Richtung Bermuda davon.